Alicja Kwade. „Being ...“

12. Juni – 10. August 2018



Alicja Kwade. „Being ...“, Ausstellungsansicht Neuer Berliner Kunstverein, 2018 © Neuer Berliner Kunstverein / Jens ZieheAlicja Kwade. „Being ...“, Ausstellungsansicht Neuer Berliner Kunstverein, 2018 © Neuer Berliner Kunstverein / Jens ZieheAlicja Kwade, 2018 © Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe
Kurator: René Block

Alicja Kwade beschäftigt sich in ihren Skulpturen, Raum- und Lichtinstallationen sowie Videoarbeiten immer wieder mit dem Verhältnis von Fiktion und Realität. Ihre Werke sind formale Erklärungsversuche für naturwissenschaftliche oder philosophische Phänomene und beleuchten unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit ebenso wie gesellschaftliche Konventionen. Dabei arbeitet Kwade mit Materialeigenschaften, Darstellungsweisen und damit verbundenen Erwartungshaltungen ebenso wie mit Vorstellungen von Zeit und Raum.

Für ihre im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) präsentierte Werkreihe
„Being …“ hat Kwade sich intensiv mit Briefen realer wie fiktiver Personen auseinandergesetzt. Seit 2006 hat sie in minutiöser Handarbeit immer und immer wieder ausgesuchte Schriftstücke nachgeschrieben und sich so neue Handschriften angeeignet. Die auf diese Weise von ihr verfassten Kopien hat sie schließlich an zertifizierte Graphologen gegeben. Die Experten nahmen anhand der Handschrift eine Charakteranalyse vor und trafen Aussagen zur Persönlichkeit der vermeintlichen Verfasser*innen, die in verschiedenen Gutachten festgehalten sind und von Kwade zusammen mit den Briefkopien präsentiert werden. Es stellt sich die Frage, wer oder was hier beschrieben wird: die Eigenschaften einer Filmfigur, einer Schauspielerin oder eines Requisitenmitarbeiters, einer dargestellten realen Person oder eines Drehbuchcharakters, der Künstlerin selbst? Kwades Experiment stellt das psychodiagnostische Verfahren sowie dessen Ausgangsmaterial gleichermaßen auf die Probe und verweist auf ein Spiel mit Identitäten, wie es in einer medial geprägten Welt alltäglich ist: Verschiedene Persönlichkeiten überlagern sich, Original und Konstrukt sind nicht mehr auseinanderzu-halten.

Die Beschäftigung mit unterschiedlichen Wirklichkeitsebenen und der Versuch, Interpretationsmuster, scheinbare Gesetzmäßigkeiten und soziale Vereinbarungen in Form skulpturaler Hypothesen greifbar zu machen, ist kennzeichnend für Alicja Kwades Werk. Ihr gelingt es dabei, philosophische und soziopolitische Fragestellungen in formal starke Bilder umzusetzen und über Irritationen und Wahrnehmungsverschiebungen neue Blickwinkel zu eröffnen. Wiederholt setzt die Künstlerin Kopierprozesse ein, um Vorstellungen von Realität sowie Autorschaft und Identität infrage zustellen. Dabei bezieht sie seit Beginn ihrer künstlerischen Praxis auch technologische Entwicklungen ein. So nutzt sie bereits seit fast 10 Jahren 3D-Scanvorgänge als Grundlage verschiedener Arbeiten. In ihrer Rauminstallation
Gegebenenfalls die Wirklichkeit (2017) treffen dabei natürliche und technologische Formen und Verfahren aufeinander: Im Zentrum steht eine massive Granitskulptur, die einen vorgefundenen Gesteinsbrocken detailgenau nachbildet. Mittels 3D-Punktscanning wurde das Original erfasst und die Daten wurden an eine Fräsmaschine übertragen, die eine exakte Kopie erstellt. Während der Produktion hielt die Künstlerin jedoch den Bearbeitungsprozess an, sodass die Skulptur zwischen Roh- und Endform verharrt. Die Granitskulptur wurde in einer raumgreifenden Gesamtinstallation präsentiert, ergänzt um insgesamt 30.000 DIN A4-Seiten: die mathematischen Koordinaten des originären Steins, die im technologischen Scan-Prozess entstanden sind – die exakte mathematische Beschreibung der Ursprungsform, die Information über das Ausgangsobjekt, das nun mittels digitaler Technologie reproduziert wird. Basierend auf dem beschriebenen Produktionsprozess entstand auch die 2017 von Alicja Kwade auf der Venedig-Biennale präsentierte Arbeit WeltenLinie. Hier wurden ein Findling sowie ein versteinerter Baumstumpf vermessen und unterschiedliche Versionen und Zustände der Originale in variierenden Materialien hergestellt. Ihre Anordnung in einem Setting aus Stahlrahmen und Spiegeln bildete eine verwirrende Vielfalt von Parallelwelten, die die Wahrnehmung der Betrachter*innen herausforderte. Diese wurden zugleich selbst Teil des Kunstwerks, das auf ein verändertes Verständnis von Umgebung, der Subjektivität des Sehens und damit von Realität abzielte.

Alicja Kwade (*1979 in Katowice, lebt in Berlin) studierte an der Universität der Künste Berlin (1999–2005) und wurde für ihre künstlerische Arbeit u. a. mit dem Hectorpreis der Kunsthalle Mannheim (2015), dem Karl Schmidt-Rottluff Stipendium (2011) und dem Piepenbrock Preis für Skulptur (2008) ausgezeichnet. Jüngste Einzelausstellungen (Auswahl): Kunsthalle zu Kiel (2018); Haus Konstruktiv, Zürich (2018); Yuz Museum, Shanghai (2017); Whitechapel Gallery, London (2016); Haus am Waldsee, Berlin (2015); Kunsthalle Nürnberg (2015); Schirn Kunsthalle Frankfurt (2015). Gruppenausstellungen (Auswahl): Venedig Biennale (2017); Aarhus Triennale (2017); Frankfurter Kunstverein (2017); Kochi-Muziris Biennale (2016); Museum Frieder Burda, Baden-Baden (2016).