Donnerstag, 10. Oktober 2019, 19 Uhr
Mythos des Marktes II

Diskussion mit Arno Brandlhuber (Architekt, Berlin, ETH Zürich), Katalin Gennburg (Politikerin, Berlin), Guerilla Architects (Berlin), Charlotte Malterre-Barthes (Architektin und Urban Designerin, TU Berlin / ETH Zürich), Birgit Möhring (Geschäftsführerin Berliner Immobilienmanagement GmbH, Berlin), Philine Schneider (Architektin und Kuratorin, Berlin)

Wie konnte es ausgerechnet in Berlin, der Stadt der unbegrenzten Freiräume, zu einem Anstieg von Mieten und zu einem Mangel an bezahlbarem Wohnraum kommen? Nach dem Mauerfall schien durch die Zusammenführung von Ost-und Westteil der Stadt die Raumressource unerschöpflich, doch investorenfreundliche Stadtplanung, Bodenspekulation und massive Privatisierungswellen begünstigten eine Stadtpolitik des Ausverkaufs. Für die Gegenwart und Zukunft stellen sich die Fragen: Wie lässt sich die Wohnungsfrage bearbeiten? Wie kann das erneuerte Bewusstsein für die Sozialpflichtigkeit des Eigentums, wie es aktuell in Politik und Zivilgesellschaft diskutiert wird, manifest werden?

Die Ausstellung 
1989–2019: Politik des Raums im Neuen Berlin skizziert die urbanistische und architektonische Entwicklung Berlins vom vermeintlichen „Ende der Geschichte“ her: Wie ist Berlin zu dem geworden, was es heute ist? Eigens für die Ausstellung realisierte Projekte machen unterschiedliche stadträumliche Politiken und ihre Folgen für das Berlin von heute anschaulich. Sie stellen teils widersprüchliche Prozesse und Narrative dar, die sich bis heute im gebauten Berlin überlagern und verdichten. Das eine Berlin gibt es nicht, dafür viele Mythen und Imaginationen dessen, was Berlin sein soll. Die Ausstellung reflektiert die Perspektiven und Mythen der Geschichte, des Marktes und der Kreativität.

Im Rahmen eines umfangreichen Diskursprogramms sollen selektive Blicke in die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Stadt ausloten, wie das urbane Berlin heute zusammengesetzt ist. Politiker*innen, Architekt*innen, Stadttheoretiker*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen diskutieren die Politiken des Raums im Neuen Berlin: Was tun gegen geschichtsvergessene Bestrebungen? In welcher Verfassung sind urbane soziale Bewegungen derzeit, wie lässt sich ihr Verhältnis zu Parteipolitik emanzipatorisch fassen? Welche Zusammenschlüsse, Planungsansätze und Architekturen werden benötigt, um ein solidarisches Berlin der Offenheit zu gestalten?


Arno Brandlhuber lebt als Architekt und Stadtplaner in Berlin und führt seit 2006 das Büro Brandlhuber+. Seine Arbeit umfasst Architektur- und Forschungsprojekte, Ausstellungen und Publikationen sowie politische Interventionen. Im Rahmen seiner Beschäftigung mit Aspekten der Legislative in der Architektur- und Stadtproduktion entstanden gemeinsam mit dem Künstler und Filmregisseur Christopher Roth die Filme Legislating Architecture (2016) und The Property Drama (2017). Seit 2017 ist Brandlhuber Professor für Entwurf und Architektur an der ETH Zürich.

Katalin Gennburg ist Stadtforscherin und in der Partei Die Linke aktiv. Sie studierte Philosophie und Historische Urbanistik an der TU Berlin und schrieb ihre Abschlussarbeit zu Bodenprivatisierungen nach 1990 in Brandenburg und im Berliner Speckgürtel. Bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im September 2016 erhielt sie im Wahlkreis 1 in Treptow-Köpenick ein Direktmandat. In der Fraktion Die Linke im Abgeordnetenhaus ist sie Sprecherin für Stadtentwicklung, Tourismus und Smart City.

Guerilla Architects ist ein internationales Kollektiv von Architekt*innen, Stadtplaner*innen und Künstler*innen. Ausgehend von einer gemeinsamen Hausbesetzung 2012 in London konzentriert sich das Team seither auf ungenutzte und vergessene Ressourcen des Städtischen. Mit Sitz in Berlin, Kiel und Sofia zeigen sie durch unkonventionelle und subversive Methoden auf, wo in öffentlichen Räumen bestehende sozioökonomische Strukturen der Stadt infrage gestellt werden und bedroht sind.

Charlotte Malterre-Barthes ist Architektin und arbeitet im Urban Design sowie als Wissenschaftlerin. 2009 gründete sie das Stadtplanungsbüro OMNIBUS, 2014–2015 war sie Leiterin des Master of Advanced Studies Urban Design am Fachbereich von Marc Angélil der ETH Zürich. An die TU Berlin ist sie 2018–2019 als Gastprofessorin berufen. Sie hält einen PhD der ETH zu den Auswirkungen der Ernährungswirtschaftspolitik auf die gebaute Umwelt. Sie ist Ko-Autorin von Housing Cairo: The Informal Response (2016), Some Haunted Spaces in Singapore (2018) and Eileen Gray: A House under the Sun (2019). Sie ist Gründungsmitglied der Parity Group, einer Graswurzelorganisation, die sich der Steigerung der Gendergerechtigkeit im Feld der Architektur widmet. 2019 ist sie Ko-Kuratorin der 12. Internationalen Architekturbiennale in São Paulo.

Birgit Möhring ist seit März 2015 Geschäftsführerin der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), wo sie seit dessen Gründung im Jahr 2003 als Mitarbeiterin tätig war. Als Prokuristin und Mitglied der Geschäftsleitung verantwortete sie über zehn Jahre lang u. a. die Bereiche Portfoliomanagement und Einkauf und wirkte am Aufbau und der Weiterentwicklung der Landestochter mit. Im Dezember 2013 wechselte sie zwischenzeitlich zum Berliner Liegenschaftsfonds und war dort bis zur Übernahme der Geschäftsbetriebe des Liegenschaftsfonds durch die BIM 2015 als Geschäftsführerin tätig.

Philine Schneider arbeitet als Architektin in Berlin an der Schnittstelle von kuratorischer Arbeit, Kunst und Forschung in Städtebau und Architektur. 2011 war sie Mitbegründerin der Kooperation CollageLab, die sich mit transdisziplinärer Raumforschung beschäftigt. In diesem Rahmen entstanden Ausstellungen, Auslobungen, Workshops und andere Veranstaltungsformate. Neben ihrer Tätigkeit als Architektin arbeitete sie 2011–2015 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bauhaus Dessau und 2015/2016 am Karlsruher Institut für Technologie im Bereich Internationaler Städtebau. Seit 2019 ist sie Partnerin bei rosa architekten, Berlin.


In deutscher Sprache
Eintritt frei