Candice Breitz. Labour

12. September – 25. Oktober 2019



Candice Breitz, 2019 © Tobias Zielony
Kuratorin: Kathrin Becker


Die Künstlerin Candice Breitz (*1972 in Johannesburg, lebt in Berlin) ist eine einflussreiche Chronistin der Widersprüchlichkeiten innerhalb populärer Diskurse. Ihr Interesse richtet sich auf die Dynamiken vertrauter Identitätsbildungen, die sie über komplexe Videoproduktionen und oftmals unter Hinzuziehung von Medienbildern wie Fotografien, Videoclips oder Hollywood-Produktionen analysiert. In Zusammenarbeit mit dem Neuen Berliner Kunstverein realisiert Breitz eine neue Videoarbeit, die im Rahmen einer Einzel-ausstellung welturaufgeführt wird und in die Bestände des n.b.k. Video-Forums übergeht.

Labour präsentiert Videoaufnahmen von Geburten, die die Künstlerin selbst in einem direkten dokumentarischen Stil aufgenommen hat. Jedes der Videos wird hinter einem nüchternen grauen Vorhang präsentiert, der von den Besucher*innen geöffnet werden muss, damit diese die Aufnahmen betrachten können. Umrahmt von einem fiktiven „Matriarchalen Dekret“, das eine absurd ehrgeizige feministische Agenda umreißt, imaginiert Breitz die körperliche Kraft, über die Mütter im Moment der Geburt verfügen, als Ressource, die für andere Zwecke genutzt werden kann – wie etwa die viszerale Beseitigung autoritärer Führer, die dafür bekannt sind, dass sie ihre Macht dazu nutzen, Fortschritte in der Gewährung reproduktiver Rechte zurückzudrehen oder der körperlichen Autonomie von Frauen und anderen zu schaden.

Labour weicht schnell vom dokumentarischen Pfad ab: Anstatt jede Geburt so zu zeigen, wie sie sich vor ihrer Kamera dargeboten hat, lädt Breitz uns ein, die Geburten in umgekehrtem Verlauf zu erleben. Wir beobachten, wie jedes Neugeborene aus den Armen seiner Mutter genommen wird, um dann langsam und unwirklich in den Mutterleib zurückgesaugt zu werden. Zusätzlich zu dem „Dekret“, das das Werk begleitet und von einem „Säkularrat des utopischen Matriarchats“ (einer fiktiven Regierungsbehörde, die sich abgekürzt als S.C.U.M bezeichnet) herausgegeben wurde, bieten die Titel der einzelnen Arbeiten eine mögliche Erklärung für das gezeigte Ritual der Umkehrung. Die erste Arbeit der Serie mit dem Titel Labour (PMURT) wurde in der Woche gedreht, in der Donald Trump im Januar 2017 als Präsident ernannt wurde. Ein zweites Werk trägt den Titel Labour (NITUP), während die dritte und vierte Arbeit in der Ausstellung die Titel Labour (ORANOSLOB) sowie Labour (MIK) tragen. 

Breitz‘ Vision ist von einem dunklen Humor gekennzeichnet, der ebenso verstörend dystopisch wie ernsthaft utopisch wirkt. Die Zielscheiben der ersten Arbeiten der Werkreihe – Trump, Putin, Bolsonaro und Kim – haben sich jeweils auf ihre Weise einer gewaltvollen Betrachtungsweise oder Gesetzgebung zu reproduktiven Rechten und / oder Abtreibung verschrieben. Infolgedessen scheint
Labour anzunehmen, dass der beste Ansatz für den Umgang mit Menschen, die unsere körperliche Autonomie einschränken wollen, darin besteht, sie einer absurden, späten Abtreibung zu unterziehen – eine spekulative Fiktion in Kombination mit einem augenzwinkernden und zugleich todernsten Feminismus.

Candice Breitz thematisiert in ihren Werken wiederholt das Verhältnis von persönlichen wie politischen Kämpfen für ein besseres Leben und deren öffentlicher Wahrnehmung. Ihr Werk
Love Story (2016) konfrontiert die Mediatisierung realer und leidvoller menschlicher Erfahrungen. Erfahrungsberichte von Geflüchteten aus Kriegs- und Krisengebieten wie Somalia und Syrien sowie von aufgrund ihrer politischen Haltung Vertriebenen werden den auf die Emotionalität spekulierenden Wirkmechanismen der Filmindustrie gegenübergestellt: Während den von den Geflüchteten selbst vorgetragenen Erlebnisberichten meist wenig Empathie zukommt, erzeugen sie umso mehr Mitgefühl, wenn sie durch die Schauspieler*innen Julianne Moore und Alec Baldwin im Stil des Hollywood-Dramas dargelegt werden. Für TLDR (2017) arbeitete Breitz mit Sexarbeiter*innen aus Kapstadt zusammen und machte ihre Proteste gegen Stigmatisierung und Kriminalisierung zum Ausgangspunkt einer musikalischen Inszenierung. Hier setzt sich die anhaltende Auseinandersetzung mit der Beziehung von Weißsein, Privilegien und Sichtbarkeit, den Auswirkungen gegenwärtiger Aufmerksamkeitsökonomien sowie den Möglichkeiten aktivistischen Kunstschaffens im Werk von Candice Breitz fort.


Candice Breitz ist seit 2007 Professorin an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Einzelausstellungen (Auswahl): West Den Haag (2019); Boston Museum of Fine Arts (2018); Kunstmuseum Stuttgart (2016); National Gallery of Canada, Ottawa (2013); Iziko South African National Gallery, Kapstadt (2012); Kunsthaus Bregenz (2010); The Power Plant, Toronto (2009); San Francisco Museum of Modern Art (2009); Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk (2008); Museo de Arte Contemporáneo de Castilla y León (2007); Baltic Centre for Contemporary Art, Gateshead (2006); Palais de Tokyo, Paris (2005); Moderna Museet, Stockholm (2004); De Appel Foundation, Amsterdam (2001). Breitz nahm an zahlreichen Gruppenausstellungen sowie an folgenden Biennalen teil: Aichi (2019), Sharjah (2019), Cleveland (2018), Dakar (2014), Singapur (2011), Göteborg (2009), New Orleans (2008), Venedig (2005), Gwangju (2000), Taipei (2000), Istanbul (1999), São Paulo (1998) und Johannesburg (1997). 2017 vertrat sie Südafrika auf der 57. Venedig Biennale.