Reality – Fiction. Multiperspektivisches Sehen in Film, Literatur und bildender Kunst

16. Mai – 16. Mai 2020

Eröffnung: Samstag, 16. Mai, 13 Uhr


Die Tagung
Reality – Fiction des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.) thematisiert künstlerische Praktiken, die im Zusammenspiel von Realität und Fiktion verborgene Dimensionen von Wirklichkeit erforschen und das Noch-nicht-Gedachte, das Noch-nicht-Wahrgenommene oder auch das historisch Verdrängte Bild werden lassen.

Der Versuch, sich mittels spekulativer Erzählungen der Objekt- und Bilderwelt zu bemächtigen und neue Sichtweisen auf Politik und Gesellschaft zu formulieren, findet sich in zahlreichen ästhetischen Praxen. In dem seinem Spätwerk zugerechneten Film
Éloge d’amour (2001) hält der Filmemacher Jean-Luc Godard mit Bezug auf den Philosophen Henri Bergson fest: „Wir können nur an etwas denken, indem wir an etwas anderes denken.“ Als einer der einflussreichsten Regisseure der 1960er Jahre sowie Mitbegründer der Nouvelle Vague schuf Godard eine Filmsprache, die illustrierende Gesten ablehnt und stattdessen auf ein multiperspektivisches Sehen setzt, das einem kritischen analytischen Blick auf die Gegenwart verpflichtet ist.

Godards späte Filme verweisen auf eine Art des Sehens, das noch nicht existiert oder sich noch in der Entwicklung befindet – ein Sehen in Schichten mit einem archäologischen Auge, das die Welt nicht von einem Zentrum aus strukturiert, sondern vielmehr eine imaginativ-historische Orientierung in zahlreiche Richtungen bietet. Ausgehend von Godards Bildsprache, diskutieren die Beiträge der Tagung
Reality – Fiction, wie Geschichte, soziale Bewegungen, unterdrückte Daseinsformen, ausgegrenztes Wissen und Grenzüberschreitungen in Film, Literatur und bildender Kunst multiperspektivisch formuliert werden.


Programm
Samstag, 16. Mai 2020


13.00 Uhr
Begrüßung
Marius Babias
, Direktor n.b.k.

13.30 Uhr
Katastrophen und Erinnerung. Reality-Fiction in den späten Filmen von Jean-Luc Godard
Klaus Theweleit
(Kulturtheoretiker, Freiburg)
Vortrag und anschließendes Gespräch mit
Volker Pantenburg (Professor für Filmwissenschaft,
Freie Universität Berlin; Harun Farocki Institut, Berlin)


15.00 Uhr
Psychose als Erkenntnisinstrument
Marlene Streeruwitz
(Schriftstellerin und Regisseurin, Wien, London und New York)
Lesung und anschließendes Gespräch mit
Martin Beck (Philosoph und Kurator, Autor, wissenschaft-
licher Mitarbeiter an der Universität der Künste Berlin)

16.30 Uhr
Romanistan
Luca Vitone (Künstler, Berlin)
Filmpremiere und anschließendes Gespräch mit
Ana Teixeira Pinto (Kulturwissenschaftlerin
und Autorin, Dutch Art Institute, Arnhem; Leuphana Universität Lüneburg)
In englischer Sprache

Eintritt frei



Zu den Teilnehmer*innen der Tagung Reality–Fiction

Martin Beck lebt in Berlin und arbeitet als Philosoph, Kurator und Autor im Bereich bildender Kunst. Zu seinen Veröffentlichungen zählen zahlreiche Aufsätze, u. a. in: Das Ästhetisch-Spekulative. Spekulationen in den Künsten, hrsg. von Kathrin Busch et al. (2019), und der Zeitschrift Figurationen, Nr. 1: Visuelles Denken (2016). Er ist Mitherausgeber von Präsentifizieren. Zeigen zwischen Körper, Bild und Sprache (2014) sowie der Begleitkataloge zu den gleichnamigen, von ihm kuratierten Ausstellungen fake or feint (2010) und To Show is to Preserve (2008). Zuletzt kuratierte er die Ausstellung fühle meinen körper sich von meinem körper entfernen im Kunstverein Heidelberg (2017). Aktuell ist Beck als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Künste Berlin tätig.

Volker Pantenburg
lebt in Berlin und ist seit Oktober 2016 Professor für Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Er forscht u. a. zu kinematografischen Objekten, zur Theorie des Bilds, zur Geschichte des Experimentalfilms sowie zur Migration von Bildern zwischen Kino und zeitgenössischer Kunst. Zu seinen Publikationen gehören Film als Theorie. Bildforschung bei Harun Farocki und Jean-Luc Godard (2006) und Ränder des Kinos. Godard – Wiseman – Benning – Costa (2010); als Herausgeber veröffentlichte er 2015 den Sammelband Cinematographic Objects. Things and Operations. 2015 gründete er gemeinsam mit Tom Holert und Doreen Mende das Harun Farocki Institut in Berlin.

Ana Teixeira Pinto lebt als Autorin und Kulturtheoretikerin in Berlin. Sie schreibt regelmäßig für e-flux, Afterall, frieze, Mousse, Springerin und Texte zur Kunst und ist Herausgeberin des Bandes The Reluctant Narrator (2014). Weitere Beiträge von ihr erschienen u. a. in Alleys of Your Mind: Augmented Intelligence and its Traumas, hrsg. von Matteo Pasquinelli (2015); Nervöse Systeme, hrsg. von Anselm Franke et al. (2016) und Animals, hrsg. von Filipa Ramos (2016). Zurzeit lehrt sie am Dutch Art Institute in Arnhem und ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leuphana Universität Lüneburg tätig, zuvor unterrichtete sie an der Universität der Künste Berlin.

Marlene Streeruwitz (*1950 in Baden / Österreich) lebt in Wien, Berlin, London und New York und ist als Schriftstellerin und Regisseurin tätig. Sie veröffentlichte eine Vielzahl von international erfolgreichen Romanen, darunter Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre (1996), Nachwelt (1999), Partygirl (2002), Jessica, 30 (2004), Kreuzungen (2008), Die Schmerzmacherin (2011), Nachkommen (2014), Yseut (2016) und Flammenwand (2019). Ihre Werke wurden mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, zuletzt u. a. mit dem Franz-Nabl-Preis der Stadt Graz (2015) und dem Preis der Literaturhäuser (2020). 2008 veröffentlichte der Neue Berliner Kunstverein ihr Buch Bildgirl. Collagen als Band 1 der Publikationsreihe n.b.k. Berlin. Zu ihren an zahlreichen Bühnen gespielten Theaterstücken gehören Sloane Square (1992), New York New York (1993), Elysian Park (1993), Ocean Drive (1993), Tolmezzo (1994) und Waikiki-Beach (1999), Uraufführungen ihrer Stücke fanden u. a. statt am Schauspiel Köln, den Münchner Kammerspielen, dem Deutschen Theater Berlin und bei den Wiener Festwochen.

Klaus Theweleit (*1942 in Ebenrode / Ostpreußen) lebt in Freiburg und arbeitet als Literaturwissenschaftler, Kulturtheoretiker und Schriftsteller. Bis 2008 war er Professor für Kunst und Theorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. 1976 promovierte er mit der Dissertationsschrift Freikorpsliteratur: Vom deutschen Nachkrieg 1918−1923, die als Grundlage für sein 1977/1978 erschienenes zweibändiges Werk Männerphantasien diente, eine der ersten umfangreichen Untersuchungen im Bereich der Männlichkeits- und Gewaltforschung. Im November 2019 erschien Männerphantasien in einer Neuauflage bei Matthes & Seitz, Berlin.

Luca Vitone (*1964 in Genua) lebt in Berlin und Mailand, wo er seit 2006 an der Nuova Accademia Belle Arti unterrichtet. Vitone beschäftigt sich in seinem künstlerischen Werk seit Mitte der 1980er Jahre mit der Konstruktion und Repräsentation von Orten und den künstlerischen Möglichkeiten, deren geografische, politische, soziale, kulturelle und poetische Dimensionen zu beschreiben. Insbesondere interessiert ihn die Art und Weise, wie Orte durch u. a. durch Kunst, Kartografie, politische Zusammenschlüsse und marginalisierte Gruppen geprägt werden. Er nahm an zahlreichen Biennalen und Gruppenausstellungen weltweit teil, u. a. Galleria Nazionale d‘Arte Moderna e Contemporanea, Rom (2019); New Baijia Lake Museum, Nanjin, China (2016); Italienischer Pavillon, 55. Venedig Biennale (2013); Schirn Kunsthalle Frankfurt (2011). Einzelausstellungen von Luca Vitone waren u. a. zu sehen: Centro per l’Arte Contemporanea Luigi Pecci, Prato (2019, 2004); Padiglione d’Arte Contemporanea, Mailand (2017); Neuer Berliner Kunstverein, Berlin (2014); Museion, Bozen (2013); Galleria d’Arte Moderna e Contemporanea di Bergamo (2008); MoMA PS1, New York (2000).