Mittwoch, 22. Dezember 2021, 12 Uhr
Artists’ Film International 2021: Care


Online-Screening mit Werken von Sena Başöz, Patty Chang, Kiri Dalena, Kerstin Honeit, Hylozoic/Desires (Himali Singh Soin and David Soin Tappeser), Agnė Jokšė, Polina Kanis, Neda Kovinić, Thania Petersen, Sajia Sediqi, Giulio Squillacciotti, Kenneth Tam, Victoria Verseau, Rehana Zaman

Das Video-Forum des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.) präsentiert das Programm von Artists’ Film International (AFI), das 2021 unter dem Titel Care zusammengestellt wurde. Artists’ Film International ist ein Initiativprojekt der Whitechapel Gallery in London und präsentiert Künstler*innen aus den Bereichen Film, Video und Animation. Internationale Partnerorganisationen schlagen ausgewählte Werke vor, die von den beteiligten Kunstinstitutionen in ihrem Programm gezeigt werden. Zu den beteiligten Institutionen gehören 2021 u. a.: Bag Factory, Johannesburg; Ballroom Marfa, Texas; Bonniers Konsthall, Stockholm; Belgrade Cultural Center; Centre for Contemporary Art Afghanistan, Kabul; Contemporary Art Centre, Vilnius; GAMeC – Galleria d'Arte Moderna e Contemporanea di Bergamo; Hammer Museum, Los Angeles; Istanbul Modern; Museum of Contemporary Art and Design, Manila; Museum of Modern Art, Warschau; Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.); Project 88, Mumbai und Whitechapel Gallery, London.

Die präsentierten Werke zum Thema „Care“ sind drei inhaltlichen Unterkapiteln zugeordnet: „Relearning“, „Memory and Loss“, und „Resistance“.


RELEARNING (78:52 min)

Patty Chang
Invocation for a Wandering Lake Part 1 & 2, 2016
2-Kanal-Video, 12 min
Ausgewählt vom Ballroom Marfa, Marfa, Texas

Der leblose Körper eines Wals treibt vor der Küste der neufundländischen Fogo-Inseln, einem ehemaligen Zentrum der Fischerei. Die Künstlerin Patty Chang (*1972 in San Leandro / USA) wäscht meditativ das verstorbene Tier. Mit ähnlicher Sorgfalt schrubbt sie die Außenhaut eines verlassenen Schiffes in der Wüste von Muynak / Usbekistan, einer stillgelegten Hafenstadt am zurückgegangenen Aralsee. Diese sich wiederholenden Handlungen erscheinen quasi absurd und unnötig, dennoch setzt die Künstlerin diese Rituale der Fürsorge fort und signalisiert so eine Verbundenheit mit dem schicksalhaften Ende uns umgebender Entitäten.


Kenneth Tam
Breakfast in Bed, 2016
1-Kanal-Video, 32 min
Ausgewählt vom Hammer Museum, Los Angeles

Zum Teil soziales Experiment, zum Teil absurdes Theater, erforscht
Breakfast in Bed von Kenneth Tam (*1982 New York) Intimität zwischen Männern, Rollenspiele und Konstruktionen von Männlichkeit. Für das Video rekrutierte Tam sieben Nicht-Schauspieler aus Online-Foren wie Craigslist und Reddit, um sie an einer parodisierenden Form eines Männer-Clubs teilnehmen zu lassen. In einem bühnenartigen häuslichen Raum, der im Atelier des Künstlers gebaut wurde, partizipierten die Teilnehmer an Teambildungs-Aktivitäten, rituellen Bewegungsübungen und einem aufrichtigen Austausch von Komplimenten. Obwohl vor den Dreharbeiten keine privaten Verbindungen zwischen den Darstellern bestanden, scheinen diese gemeinsamen Aktivitäten ein Gefühl der Zärtlichkeit unter ihnen zu bestärken. Mit spielerischer Improvisation und angeleiteten gemeinschaftlichen Prozessen untergräbt Tams Projekt normative männliche gesellschaftliche Konventionen und dekonstruiert Verhaltenskodizes.


Agnė Jokšė
Dear Friend, 2019
1-Kanal-HD-Video, 24:17 min
Ausgewählt vom Contemporary Art Centre, Vilnius
Dear friend ist ein Video der litauischen Künstlerin Agnė Jokšė (*1993 in Vilnius / Litauen). Die Arbeit basiert auf einem briefartigen Text der Künstlerin, den sie vorträgt und der eine Betrachtung von Freundschaft als platonischer Liebe zwischen queeren Frauen darstellt. Die Arbeit, die zwischen Realität und Fiktion oszilliert, spricht offen und einfühlsam über verschiedene Formen von Liebe, Zuneigung und Fürsorge in der zeitgenössischen Welt.


Hylozoic/Desires (Himali Singh Soin und David Soin Tappeser)
Setting the Stage For a Gathering of Friends, 2020
Video, 10:35 min
Ausgewählt von Project 88, Mumbai

Setting the Stage for a Gathering of Friends von Hylozoic/Desires (Himali Singh Soin, *1987 in Indien, und David Soin Tappeser, *1985 in Deutschland) entstand 2020, während dem Höhepunkt der Pandemie in Delhi, und handelt von Unsicherheit, Angst, Zufall, verpassten Beziehungen, falschen Versprechungen und von der Rückkehr zu etwas, das wir einmal gefühlt haben oder einer Wiederholung von etwas, das wir noch nie erlebt hatten. Die Arbeit zeichnet den Weg eines „Ensō“ nach, einem Symbol der japanischen Kalligraphie, das – je nachdem, ob man aus der Nähe oder aus der Ferne darauf blickt – die Darstellung eines Ganzen oder einer Leere, einer anderen Kosmologie sein kann. Der Kreis hält die improvisierten Free-Jazz-Elemente und die zitierten, zufällig zusammengesuchten Fußnoten-Passagen zusammen, die die akustische Ebene der Arbeit bilden. Der Kreis bereitet die Bühne für ein zukünftiges Treffen von Freund*innen vor und suggeriert, dass Warten eine Form der Liebe sein kann.



MEMORY AND LOSS (71:10 min)

Giulio Squillacciotti
What Has Left Since We Left, 2020
1-Kanal-4K-Video, 21:08 min
Ausgewählt von GAMeC, Bergamo, Italy

Am 7. Februar 1992 wurde im niederländischen Maastricht der Vertrag über die Europäische Union unterzeichnet. In dem Video
What Has Left Since We Left von Giulio Squillacciotti (*1982 in Rom) treffen sich Jahrzehnte später die Vertreter*innen der letzten drei in der EU verbliebenen Länder wieder im selben Raum, in dem der Vertrag unterzeichnet wurde – diesmal, um über die endgültige Beendigung ihrer Union zu beraten. In einer scheinbar endlosen Therapiesitzung versuchen die drei Charaktere – unterstützt von einer britischen Dolmetscherin als selbsternannter Analytikerin – mit ihrem Verlustgefühl umzugehen. Das Gespräch ermöglicht es, ihre politischen und persönlichen Bindungen metaphorisch zu verweben und zwingt die Akteur*innen, sich ihrer Identitätskrise zu stellen und anzuerkennen, was nicht mehr ist, was bleibt und was von dieser Union noch Bestand haben kann.


Kerstin Honeit
my castle your castle, 2017
HD-Video, 14:47 min
Ausgewählt vom Video-Forum, Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.)

Die Videoarbeit
my castle your castle von Kerstin Honeit (*1977 in Berlin) widmet sich der Debatte um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses auf dem Fundament des Palasts der Republik, dem ehemaligen Sitz der Volkskammer der DDR. Kerstin Honeit lädt zwei der Handwerker, die beim Aufbau bzw. Abriss des Palasts maßgeblich beteiligt waren, zu einer Gesprächsrunde in der Stadtschloss-Baustelle ein. Das Setting spielt mit dem Ambiente einer Fernseh-Talkshow und stellt damit die Bühnenhaftigkeit der Großbaustelle heraus, die verschiedensten Akteur*innen und Interessensgruppen als Plattform dient. Eine Musikeinlage von zwei queeren Cowboys bricht und karikiert diesen Bezug schlussendlich. Das Schloss als „identitätsstiftendes“ Bauwerk von nationaler Bedeutung wird so als Raum von Akteur*innen neu besetzt, deren Stimme in der Debatte sonst untergeht.


Sena Başöz
The Box, 2020
1-Kanal-Video, 4:31 min
Ausgewählt vom Istanbul Modern

The Box
von Sena Başöz (*1980 in Izmir / Türkei) bringt eine Abfolge verschiedener Objekte zum Vorschein, die in dicken, dunklen, langen Haaren versteckt sind und mal von einer männlichen, mal von einer weiblichen Hand geborgen werden. Gesten von Mitgefühl und Fürsorge werden im Video zu Auslösern kontrastierender Phänomene wie Verbergen und Offenbaren, Festhalten und Loslassen, Tod und Leben.


Victoria Verseau
Approaching a Ghost, 2021
Video, 20:15 min
Ausgewählt von Bonniers Konsthall, Stockholm

Mit
Approaching a Ghost versucht Victoria Verseau (*1988 in Mariestad / Sweden) die Erinnerung an ihre Freundin Meril und ihre gemeinsame Zeit in einer abgelegenen Stadt in Thailand festzuhalten, wo beide sich während der Vorbereitung auf eine geschlechtsangleichende Operation kennenlernten. Drei Jahre nach der Operation beschloss Meril, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Außerstande, die Erinnerung an die gemeinsame Zeit auf ihrer Reise zurück in das vietnamesische Dorf einzufangen, hält die Künstlerin im Video die Leere fest, die ihr vor Ort begegnet und zeigt verlassene Orte, wie das heruntergekommene Krankenhaus, in dem sie und ihre Freundin operiert wurden, ein desolates Hotel oder die Gezeiteninseln, die sich in ständigem Wandel befinden. Mit Approaching a Ghost spricht die Künstlerin existenzielle Anliegen an, wie die Suche nach dem Ich. „Ich hatte immer Angst davor, laut zu sprechen, aber jetzt habe ich meine Stimme gefunden; auch wenn ich flüstere. Ich möchte meine Geschichte erzählen und damit Meril und all denen gedenken, die nicht die Energie hatten oder nicht weitermachen durften.“


Sajia Sediqi
From Red to Black and White, 2020
Videoperformance, 11:42 min
Ausgewählt vom Centre for Contemporary Art Afghanistan (CCAA), Kabul

Für ihre Videoperformance
From Red to Black and White wählte Sajia Sediqi (*1995 in Afghanistan) die Ruinen eines ehemaligen psychiatrischen Krankenhauses in Kabul namens Aliabad. Es war die erste und einzige psychiatrische Klinik in Afghanistan, in dem einst schwer kranke Patienten behandelt wurden. Mit ihrer Arbeit thematisiert die Künstlerin das Leben von Frauen in Afghanistan, das durch die verschiedenen politischen Regime und durch die Pandemie immer stärkeren Einschränkungen unterworfen ist.



RESISTANCE (71:59 min)

Rehana Zaman
Sharla Shabana Sojourner Selena, 2016
HD-Video, 22:13 min
Ausgewählt von Whitechapel Gallery, London


In Rehana Zamans (*1982 in Heckmondwike / Großbritannien)
Sharla Shabana Sojourner Selena teilen sechs weibliche Erzählerinnen persönliche Erfahrungen, die zum Teil spontane Erinnerungen sind, zum Teil nach Skripten gelesen werden. In einer als Vorsprechen organisierten Situation beschreiben ihre Zeugnisse zum Teil perverse Szenarien, in denen Rassifizierung und Geschlechterdynamiken die Begegnungen der Protagonistinnen am Arbeitsplatz, in religiösen Kontexten oder sexuellen Begegnungen beeinflussen. Die einzelnen Geschichten werden im Schnitt von Momenten des physischen Kontakts in einem Schönheitssalon unterbrochen – einem Raum, in dem körperliches Miteinander und Pflege als Alternative zu den Beklemmungen der kollektiven Erfahrung angeboten werden.


Kiri Dalena
Mag-uuma (Farmer), 2014
Video, 2:06 min
Ausgewählt vom Museum of Contemporary Art and Design, Manila

Mag-uuma (Farmer) zeigt eine junge Dissidentin aus Mindanao, deren Gesangsauftritt während einer Bauerndemonstration die Aufmerksamkeit der Filmemacherin und bildenden Künstlerin Kiri Dalena (*1975 in Manila) auf sich zog. Nachdem beide vereinbart hatten, das Lied, das sie während der Kundgebung sang, zu dokumentieren, filmte Dalena die junge Frau auf einem Reisfeld, während Farmer*innen im Hintergrund knietief in den Feldern weiterpflanzen. Das Protestlied ist eine alte Ballade, die die Protagonistin von ihrer Mutter gelernt hat und deren Verse von einer Geschichte der Ausbeutung und Armut sprechen, von Umständen, die weiterhin ihre Gemeinschaft und ihr persönliches Leben prägen.


Thania Petersen
KASSARAM, 2020
Video, 12:11 min
Ausgewählt von Bag Factory, Johannesburg, Südafrika

KASSARAM
hinterfragt die künstlerischen Strategien, mit denen europäische Kolonialmächte in der Vergangenheit unterdrückerische Hierarchien errichtet haben, um die Einwohner*innen in Südafrika gegeneinander abzugrenzen. Die Video-Animation unterstreicht, wie gegenwärtige imperialistische Agenden diese Praktiken weiter verfestigen, indem verschiedenen Gemeinschaften weltweit weiterhin „orientalistische“ Ansichten aufoktroyiert werden. Das alte malaiische Wort kassaram bedeutet „großes Durcheinander“ oder dass etwas „fehl am Platz“ oder „auf den Kopf gestellt“ ist. Aus einer Gemeinschaft der sogenannten „Cape Malays“ stammend – Nachkommen von Indonesier*innen, die von europäischen Kolonialhändlern gezielt nach Südafrika gebracht wurden – thematisiert die Künstlerin Thania Petersen (*1980 in Kapstadt) mit ihrer Arbeit die Feinheiten und Komplexitäten ihrer Identität im zeitgenössischen Südafrika.


Neda Kovinić
Together Apart, 2020–2021
Video, 11:15 min
Ausgewählt vom Belgrade Culture Centre, Belgrade

Together Apart ist eine von Neda Kovinić (*1975 in Belgrad / Serbien) konzipierte narrative Tanz-Performance, die sowohl die Teilnehmenden als auch das Publikum mit der (Un-)Möglichkeit des Performens und Kommunizierens in Zeiten einer pandemischen Kultur konfrontiert. Wie kann Zusammengehörigkeit und Fürsorge durch Tanz praktiziert werden, wenn körperliche Distanzierung die ultimative Leistung ist? Wie kann in der Welt der Pandemie ein interaktiver Kunstprozess möglich sein, der die Praxis des spürbaren und körperlichen, nicht nur virtuellen, Miteinanders impliziert?


Polina Kanis
The Friendship Tree, 2021
Full-HD-Video, 24:09 min
Ausgewählt vom Moscow Museum of Modern Art (MMOMA)

The Friendship Tree
von Polina Kanis (*1985 in Leningrad) erforscht eine utopische Vision der politischen und ökologischen Symbiose. Der Freundschaftsbaum im Stadtbezirk Tsentralny in Sotschi, Südrussland, symbolisiert den Kontext einer gescheiterten globalen Utopie. Nationalstaaten werden durch gespendete Zweige von Zitrusbäumen repräsentiert, die zu einem monströsen, künstlichen Ganzen zusammengepfropft wurden. Heute gibt es mehr als 630 dieser Triebe, die von prominenten Repräsentant*innen aus Politik, Kunst, Wissenschaft oder Sport aus 167 verschiedenen Ländern eingebracht wurden. Das Pfropf-Ritual spiegelt sich darüber hinaus in Geschenken aus aller Welt wider, die zu öffentlichen Anlässen überreicht wurden. Die Arbeit ist Teil einer Langzeitrecherche der Künstlerin nach neuen Möglichkeiten der Beziehung zu unserem Planeten und nach neuen Formen und Räumen des Widerstands gegen die vorherrschenden Strukturen, die über Begriffe von „Aktion“ und „Widerstand“ und über die Dichotomie von „Handeln“ oder „Passivität“ hinausgehen. Mit ihrer Arbeit schlägt die Künstlerin das Modell des „zahnlosen Widerstands“ vor.