Freitag, 18. Dezember 2020, 17 Uhr
Artists’ Film International 2020: Sprache

Online-Screening mit Werken von Miguel Fernandez De Castro, Bojan Fajfric, Mohamed A. Gawad, Ailbhe Ní Bhriain, Dominika Olszowy, Francesco Pedraglio, Yao Qingmei, Raqs Media Collective, Lerato Shadi, Lisa Tan, Rhea Storr

Das Video-Forum des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.) zeigt vom 18. Dezember 2020 bis 3. Januar 2021 das Programm von Artists’ Film International (AFI) 2020, das unter dem Titel Language zusammengestellt wurde. Artists’ Film International ist ein Initiativprojekt der Whitechapel Gallery in London und präsentiert Künstler*innen aus den Bereichen Film, Video und Animation. Sie werden von internationalen Partnerorganisationen vorgeschlagen und mit ausgewählten Werken in den beteiligten Kunstinstitutionen vorgestellt. Zu den beteiligten Institutionen gehören u. a.: Ballroom Marfa, Texas; Bonniers Konsthall, Stockholm; Contemporary Art Centre, Vilnius; Belgrade Cultural Center; Fundación Proa, Buenos Aires; GAMeC – Galleria d'Arte Moderna e Contemporanea di Bergamo; Hammer Museum, Los Angeles; Hanoi Doclab; MAAT – Museu de Arte, Arquitetura e Tecnologia, Lissabon; Istanbul Modern; Museum of Modern Art, Warschau; Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.); Para Site, Hongkong; Project 88, Mumbai; Tromsø Center for Contemporary Art; Whitechapel Gallery, London und Whitworth Art Gallery, Manchester.

Die auf der n.b.k. Website präsentierten Werke zum Thema „Sprache“ stellen eine Auswahl der Arbeiten dar, die für ein Screening im digitalen Raum freigegeben wurden. Sie sind zwei inhaltlichen Unterkapiteln zugeordnet:
Grammatik und Unruhe sowie Inskriptionen.


GRAMMATIK UND UNRUHE (63:06 min)

Lerato Shadi
Mobogo Dinku, 2019
HD-Video, 6 min
Ausgewählt von Friends of Iziko South African National Gallery, Kapstadt

In
Mobogo Dinku erzählt Lerato Shadi mit gestischen, teils rätselhaften Handbewegungen eine Geschichte während sie ein Volkslied in Setswana singt. Die Künstlerin verzichtet bewusst auf Untertitel oder Anleitungen dazu, was die Worte und Gesten bedeuten, weil sie das Unerzählbare, die Geschichte der Unterdrückung des südafrikanischen Volkes während der Apartheid wiedergibt. Shadi stellt damit der durch die Kolonisierer geprägten Geschichtserzählung, wie sie ihr selbst in der Schule beigebracht wurde, etwas Eigenes entgegen.


Miguel Fernandez De Castro
A Grammar of Gates / Una Gramática de las puertas, 2019
HD-Video, 20:31 min
Ausgewählt von Ballroom Marfa, Texas

Ausgehend von der souveränen Nation Tohono O’odham, die in der Grenzregion zwischen den USA und Mexiko angesiedelt ist, entwickelt Miguel Fernandez de Castro mit seinem Video
Grammar of Gates / Gramática de las puertas eine komplexe Collage, die sich den überkreuzenden Territorien, Geschichten und Konflikten der Region widmet. Der Künstler verwebt Auszüge aus Bert Salzmanns Film Geronimo Jones von 1970 mit Drohnen- und überwachungsähnlichen Landschaftsbildern und einer affektlosen Rezitation von Phrasen aus einem Handbuch spanischer Grammatik für Grenzschutzbeamte.


Rhea Storr
Junkanoo Talk, 2017
HD-Video und Super-16-mm, digitalisiert, 12 min
Ausgewählt von Whitechapel Gallery, London

Die Bilder in Rhea Storr‘s
Junkanoo Talk entwickeln sich wie eine Sprache ohne Worte; rhythmisch pointiert werden Aufnahmen von Papierkostümen, die traditionell im Junkanoo-Karneval auf den Bahamas Verwendung finden, mit bahamaischen Rake‘n’Scrape-Sound und Seufz- und Klickgeräuschen kombiniert. Die Arbeit ist Teil einer langwährenden Auseinandersetzung der britisch-bahamaischen Künstlerin mit der Darstellung von Kulturen in Film.


Raqs Media Collective
Passwords for Time Travel, 2017
HD-Video, 9 min
Ausgewählt von Project 88, Mumbai

Raqs Media Collective entwickelt in
Passwords for Time Travel eine Reihe neuer Begrifflichkeiten, die uns für eine Kommunikation in der nahen Zukunft vorbereiten sollen. Die ungewöhnlichen lexikalischen Kombinationen werden über das zugeordnete Bildmaterial um zusätzliche Bedeutungsebenen erweitert.


Mohamed A. Gawad
betalpha (Balbalah), 2018
HD-Video, 5:31 min
Ausgewählt von Mahera and Mohammad Abu Ghazaleh Foundation, Amman

In seiner Videoarbeit
betalpha (Balbalah) spielt Mohamed A. Gawad mit der hypothetischen Situation eines nachgeschichtlichen Moments, in dem Sprachen sich nicht länger ausdifferenzieren, sondern zusammenlaufen, sich überlagern und ineinander übergehen. Der Künstler lässt Sätze und Begriffe unterschiedlicher sprachlicher Herkunft ohne semantische Erläuterung durch verschiedene Muttersprachler*innen wiedergegeben und testet die Ränder von Sprache aus. Den titelgebenden Begriff Bal-balah übersetzt er mit „Verwirrung“, „Unordnung“ und „Zersetzung“.


Francesco Pedraglio
Racconto antiorario (6 costellazioni), 2017
HD-Video, 10:04 min
Ausgewählt von GAMeC – Galleria d’Arte Moderna e Contemporanea, Bergamo

In der Mitte eines dunklen Raums markiert die Drehung der Kamera gegen den Uhrzeigersinn um eine Säule die rhythmische Abfolge einer Reihe abstrakter Bilder. Der aus einer Live-Performance entwickelte Film verwendet eine abstrakte Erzählung, die auf einem unbekannten Alphabet von Formen, Farben und Volumen zu basieren scheint. Es werden sechs mögliche Konstellationen vorgestellt, die in dem Raum zwischen dem Erzähler, den Performer*innen, den Requisiten und der Dunkelheit Gestalt annehmen.



INSKRIPTIONEN (84:08 min)

Lisa Tan
My Pictures of You, 2017–2019
HD-Video, 23 min
Ausgewählt von Bonniers Konsthall, Stockholm

In dem Film
My Pictures of You betrachtet die amerikanisch-schwedische Künstlerin Lisa Tan Fotos, die bei NASA-Expeditionen auf dem Mars aufgenommen wurden. Diese Bilder sind mit gefilmten Sequenzen von der Erde verwoben, und Tan sinniert über die verwirrende Ähnlichkeit der Topografie auf den beiden verschiedenen Himmelskörpern. Gleichzeitig spricht sie mit einem Forscher, der für die Messung von Wasser, Boden und Atmosphäre auf den Mars-Expeditionen verantwortlich ist, und legt ihm einige poetische Spekulationen über die beiden Planeten dar. Tan betrachtet den Mars als die Totenmaske der Erde und stellt sich vor, dass wir unsere eigene Zukunft auf dem trostlosen, staubroten Planeten sehen können.


Bojan Fajfric
The Cause of Death, 2015
HD-Video, 13 min
Ausgewählt von Belgrade Cultural Centre, Belgrad

Bojan Fajfrics
The Cause of Death untersucht das jugoslawische Black-Wave-Kino und die unvollendete Kulturrevolution von 1968 im Bezug auf unsere Gegenwart. Die „Schwarze Welle“ war Mitte der 1960er und Anfang der 1970er Jahre eine produktive Phase im jugoslawischen Kino, in der das Scheitern der Protagonist*innen als Mittel zur kritischen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft eingeführt wurde. Die Ideale und Normen der offiziellen, optimistischen sozialistischen Erzählung wurden abgelehnt. Fajfric eignet sich Zitate und Szenen fünf berühmter Black-Wave-Charaktere aus der jugoslawischen Filmgeschichte an und fügt sie in den Raum und die Umstände seines persönlichen Lebens ein. Die Videoarbeit vereint kollektive und persönliche Erfahrung und spielt mit den Grenzen ihrer Anerkennung in verschiedenen Kontexten. Der Künstler stellt die Frage nach einer Sprache der Kunst als möglicher Handlungsträger für Veränderungen der sozialen Realität.


Ailbhe Ní Bhriain
Inscriptions (One Here Now), 2018
HD-Video, 14:54 min
Ausgewählt von Crawford Art Gallery, Cork

Inscriptions (One Here Now) von Ailbhe Ní Bhriain versetzt uns in die schwindelerregenden Tiefen eines Steinbruchinneren. Die Kamera zeichnet die in den geologischen Schichten gespeicherte Zeit nach, die Spuren, die Maschinen auf den Felsoberflächen hinterlassen haben, und die aufgesprühten industriellen Notationen, die die Vermarktung und das Verschwinden der Landschaft kodifizieren. In diesen unterschiedlichen Formen der Inschrift findet der Film eine Metapher für das Anthropozän – die aktuelle geologische Ära, in der menschliches Verhalten die dominierende Kraft ist, welche Umwelt und Klima prägt. In einer Mischung aus film- und computergenerierten Bildern begegnen wir in Ní Bhriains Arbeit zudem selten gewordenen, vom Aussterben bedrohten Tieren, die den Blick zurück in die Kamera werfen.


Dominika Olszowy
Wanda Wanton, 2016
SD-Video , 9:14 min
Ausgewählt von Museum of Modern Art, Warschau

Wanda Wanton ist eine angehende Künstlerin, kommt aus Wieliczka / Polen und arbeitet als Lehrerin für polnische Sprache. Nach der Arbeit widmet sich Wanda einer besonderen Leidenschaft: Sie liebt es, Dinge zu zerstören und nennt ihre Vandalismushandlungen „Kunstakte“ oder einfach „Skulpturen“. Vandalismus wird zu ihrer Lebensphilosophie: Zerstörung schafft neue Ordnung, daher muss die gesamte Schöpfung auf Zerstörung beruhen. Wanda Wanton kann als Alter Ego von Dominika Olszowy angesehen werden, die von der Künstlerin zum Leben erweckt wird, um ihre sozial inakzeptablen Wünsche auszudrücken. „Wanda Wanton“ wirft jedoch in erster Linie einen Blick auf die Beziehung zwischen Mensch und umgebender Materie und stellt die Frage: Kann Vandalismus ein Akt der Emanzipation sein, der eine Person von der Unterdrückung der erzwungenen Ordnung befreit?


Yao Qingmei
Sanzu Ding and its Patterns: Hypotheses on the Origin of the Hammer – Sickle Sign, seit 2013
HD-Video, 20 min
Ausgewählt von Para Site, Hongkong

In Yao Qingmei’s
Sanzu Ding and its Patterns: Hypotheses on the Origin of the Hammer – Sickle Sign stellt Professor Yao, eine Spezialistin für alte chinesische Ideogramme, sechs Hypothesen zur Entstehung und Entwicklung eines mysteriösen Symbols vor, die auf ihren umfangreichen Forschungen in den Bereichen Archäologie, Semiologie und Psychoanalyse beruhen. Das Symbol wurde auf antiken Keramikgefäßen („Sanzu Ding“) verwendet und hat überraschende Ähnlichkeit mit dem kommunistischen Motiv von Hammer und Sichel. Die Arbeit und die fiktive Figur „Professor Yao“ entstanden aus einer Reihe performativer Vorlesungen und Aktionen an Universitäten und Kunstzentren in China, Frankreich und Deutschland.