Montag, 14. Februar 2022, 12 Uhr
Präsentation der Neuerwerbungen des n.b.k. Video-Forums

Online-Screening mit Werken von Pauline Boudry / Renate Lorenz, Eduard Constantin, Eli Cortiñas, Theo Eshetu, Nina Fischer & Maroan el Sani, Dani Gal, Sabrina Labis, Jens Pecho, Alexandra Pirici und Laura Poitras

Vom 14. bis 27. Februar 2022 präsentiert der n.b.k. in zwei je einwöchigen Online-Screenings eine Auswahl der Neuerwerbungen des Video-Forums 2021. Vom 14. bis 20. Februar sind die neu erworbenen Arbeiten von Eli Cortiñas, Jens Pecho, Eduard Constantin, Nina Fischer & Maroan el Sani, sowie die jüngste n.b.k. Koproduktion von Alexandra Pirici zu sehen. Vom 21. bis 27. Februar werden Werke von Pauline Boudry / Renate Lorenz, Theo Eshetu, Dani Gal, Sabrina Labis und Laura Poitras präsentiert.

Das 1971 gegründete Video-Forum des Neuen Berliner Kunstvereins ist mit über 1.700 Werken die älteste sowie eine der größten internationalen Videokunstsammlungen in Deutschland. Auch im Jahr 2021 konnten die umfassenden Bestände erweitert und Werke der Videokunst im Rahmen der Künstler*innenförderung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa des Berliner Senats und aus der institutionellen Förderung des n.b.k., beides aus Mitteln der LOTTO-Stiftung Berlin, erworben werden.


14.–20. Februar 2022

Eli Cortiñas
Walls Have Feelings, 2019
HD-Video, 13:12 min

In der Praxis der Film- und Videokünstlerin Eli Cortiñas (*1979 in Las Palmas de Gran Canaria, lebt und arbeitet in Berlin) wird das Bildgedächtnis herausgefordert, indem bereits vorhandenes Filmmaterial aus Werbung, Kino und Popkultur analysiert und anhand leichter Verfremdungen oder im Zusammenspiel mit eigenen Aufnahmen neu bearbeitet und kontextualisiert wird.

In
Walls Have Feelings befasst sich Cortiñas mit der Wirkmacht von Objekten und Architekturen im Kontext von Politik und Arbeitswelt. Als Protagonisten des Films fungieren Büroräume, Mauern, Kunstgegenstände und technologische Entitäten, die als Träger, Bewahrer und Verstärker verschiedener Formen von Macht erscheinen. Ausgehend von der Raumgestaltung in totalitären Systemen eröffnet der Film eine essayistische Erzählung aus dem Blickwinkel der Objekte, die Strukturen politischer Herrschaft, industrielle Produktionsbedingungen und neoliberale Wertschöpfungssysteme miteinander verknüpft.


Alexandra Pirici
Girl Folding a Handkerchief, 2021
4K-Video, 22:22 min


Alexandra Pirici (*1982 in Bukarest, lebt in Bukarest) arbeitet in musealen Kontexten, im Theater und im öffentlichen Raum. Sie choreografiert fortlaufende Aktionen, performative Monumente und Environments, die Tanz, Skulptur, gesprochenes Wort und Musik miteinander verbinden. In ihren Arbeiten setzt sie sich mit Denkmälern, der Geschichte bestimmter Orte und Institutionen kritisch auseinander, indem sie bestehende Hierarchien spielerisch aufbricht und transformiert. Ihre performativen Kunstwerke setzen sich in diesen Kontexten mit bestimmten Gesten oder Fragen zum Körper, seiner Anwesenheit, Abwesenheit oder seinem Bild auseinander.

Ausgehend von einer chronozyklografischen Aufzeichnung aus dem Jahr 1912 skizziert Alexandra Pirici in
Girl Folding a Handkerchief historische Entwicklungen und zeitgenössische Strukturen, durch die die Materialität und Spezifität individueller Körper und Lebensformen in der Abstraktion verschwinden. Die Arbeit entspinnt eine Geschichte der Anonymisierung und Automatisierung von körperlicher wie kognitiver Arbeit, die den Bogen von der industriellen Revolution bis hin zu aktuellen Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz spannt. Dabei zeigt sich nicht zuletzt eine Kontinuität in der Betrachtung und Formung der natürlichen Welt und ihrer Lebewesen als unbegrenzte Ressource zur Wertschöpfung. Mittels poetisch-performativer Elemente erzeugt Girl Folding a Handkerchief gleichzeitig neue Metaphern für komplexe und verknüpfte Formen der Koexistenz und stimmt einen Abschiedsgesang auf eine alte Welt an, die in ihrem Zerfall etwas Neuem Platz machen könnte.


Jens Pecho
Jens Pechos Arbeiten (*1978 in Frankfurt/Main, lebt in Berlin) entwickeln sich ausgehend von einem starken Interesse für Sprache, mittels der er Subtexte bekannter und allgegenwärtiger Situationen oder Begriffe an die Oberfläche bringt. In seinen Videoarbeiten, Installationen oder Interventionen im öffentlichen Raum greift er auf gefundenes Material zurück, das er auf sprachlicher bzw. textlicher Ebene verdichtet. Dazu dienen ihm feststehende Formulierungen und Texte, statistische Erhebungen und juristische Paragrafen ebenso wie Musikstücke oder Filmzitate.

Three Casualties, 2018
HD-Video, 7:18 min

Three Casualties ist eine Untersuchung dreier Filmszenen, die je einen Stunt zeigen, der zum Tod des ausführenden Stunt-Doubles führte. In manchen Fällen wurden diese Szenen im Film belassen, wodurch ein breites Publikum unwissentlich zugleich fiktionale wie auch reale Todesfälle auf der Leinwand zu sehen bekam. Das Wissen um besagte Unglücksfälle eröffnet eine kritische Perspektive auf das Medium Film, standardisierte Darstellungen des Todes sowie den eigenen voyeuristischen Blick, der noch in der „Wahrheit“ hinter den mediatisierten Bildern das Spektakel sucht.

Housebound, 2020
Video, 4:46 min


Für das Video Housebound wurde eine Szene des Thrillers Copycat (1995) appropriiert und einem Mitschnitt des künstlerischen Arbeitsprozesses im Schnittprogramm gegenübergestellt. Auf textueller Ebene werden dabei Fragen nach Originalität aufgeworfen und gängige Automatismen kreativer Verwertungsprozesse thematisiert. Einerseits dient dies der kritischen Betrachtung der Genese des Films, andererseits rückt aber auch der Anlass seiner Entstehung in den Vordergrund: Den gewohnten Spielregeln medialer Wertschöpfung folgend, wird die durch die COVID-19-Pandemie ausgelöste Gesundheitskrise instantan in Kunstproduktion übersetzt.


Eduard Constantin
The Crossroad Tram, 2021
HD-Video, 22:50 min

Eduard Constantin (*1977 in Ploiesti, Rumänien, lebt in Bukarest) ist Künstler sowie Mitbegründer der gemeinnützigen digitalen Plattform e-cart.ro zur Förderung zeitgenössischer Kunst. Constantins Videoarbeiten und Zeichnungen speisen sich häufig aus scheinbar beiläufigen Beobachtungen und sind von politischen Fragestellungen durchzogen.

Das
Video The Crossroad Tram von Eduard Constantin entstand im Jahr 2021 während der COVID-19-Pandemie. Über mehrere Wochen dokumentierte Constantin zu verschiedenen Tageszeiten eine Straßenbahnhaltestelle vor seiner Wohnung, die an einer normalerweise belebten Ecke der Stadt liegt. Zu Zeiten der Pandemie blieb das Einfahren und Abfahren der Straßenbahn ein Moment von Stabilität und Kontinuität in einer ungewissen Gegenwart. In der Gegenüberstellung der immer gleichen Situation in der gleichen Einstellungsgröße schafft Constantin einen Rhythmus der Transformation, in dem Veränderungen maßgeblich über Tageszeiten oder Wetterbedingungen indiziert werden und ein anhaltender Zustand des Wartens regelrecht greifbar gemacht wird.


Nina Fischer & Maroan el Sani
Fernsehturm – Panorama Berlin (speeded up society - slowed down back again), 1997
PAL, 59:32 min

Nina Fischer (*1965 in Emden, lebt in Berlin) und Maroan el Sani (*1966 in Duisburg, lebt in Berlin) arbeiten seit 1995 zusammen. In ihren fotografischen und filmischen Inszenierungen, Installationen und Interventionen erforschen sie die unsichtbare Geschichte von markanten Orten und hinterfragen ihre Bedeutung für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Im Fokus ihrer Aufmerksamkeit stehen dabei Übergangssituationen, wie sie sich etwa anhand des Verfalls oder der Umnutzung von Gebäuden abbilden, welche repräsentativ für bestimmte politische und gesellschaftliche Strukturen stehen.

Die Videoarbeit
Fernsehturm – Panorama Berlin (speeded up society – slowed down back again) von Nina Fischer und Maroan el Sani ist eine Plansequenz einer vollen Umdrehung des Drehrestaurants im Berliner Fernsehturm aus der Perspektive einer fest installierten Kamera. Zu DDR-Zeiten drehte sich das Restaurant einmal pro Stunde. Nach der deutschen Wiedervereinigung und mit der Einführung des westlichen Kapitalismus wurde die Geschwindigkeit des Drehrestaurants um 200 % auf 30 Minuten pro Umdrehung beschleunigt. Die Arbeit Fernsehturm – Panorama Berlin (speeded up society – slowed down back again) verlängert durch Zeitlupe die tatsächliche Geschwindigkeit von 30 Minuten auf 60 Minuten pro Umdrehung, die ursprüngliche Geschwindigkeit aus der Zeit vor dem Fall der Mauer.



21.
27. Februar 2022

Laura Poitras
O‘Say Can You See, 2001/2016
HD-Video, 28:52 min (2-Kanal-Video mit je 14:26 min)

Die von der Filmemacherin und Künstlerin Laura Poitras (*1964 in Boston, lebt in New York und Berlin) entwickelte Filmsprache ist der Tradition des cinéma vérité sowie dem Bemühen verpflichtet, Strukturen und Konflikte nachzuzeichnen, die das politische und zivile Leben wesentlich prägen, jedoch weitestgehend im Verborgenen liegen. Im Mittelpunkt ihrer Werke stehen jene komplexen Entwicklungen, die als Maßnahmen der Terrorismusabwehr demokratische Strukturen in den USA und in anderen Staaten unterwandern.

Die Zweikanal-Videoinstallation
O’Say Can You See, zeigt auf dem ersten Kanal Aufnahmen von Passanten, die im September 2001, zwei Wochen nach den Anschlägen vom 11. September, am Ground Zero aufgenommen wurden. Der Soundtrack besteht aus einer dekonstruierten Version der amerikanischen Nationalhymne, aufgezeichnet im Oktober 2001 beim Yankees „World Series Game 4“ in New York. Auf dem zweiten Kanal sind Aufnahmen des US-Militärs zu sehen, die Verhöre zweier Gefangener in Afghanistan dokumentieren, die ebenfalls in den Monaten unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September stattfanden. Bei einem der Gefangenen handelt es sich um Salim Hamdan, den Fahrer von Osama bin Laden, dessen Prozess in Poitras’ Dokumentarfilm The Oath (2010) detailliert porträtiert wird. Die beiden Kanäle sind immer nur nacheinander, nie zeitgleich, sichtbar. Durch die Gegenüberstellung dieser beiden gegensätzlichen Szenen versetzt O’Say Can You See die Zuschauer*innen in die unmittelbare Zeit nach dem 11. September. Die Arbeit bildet den Grundstein von Poitras‘ bis heute andauernden Auseinandersetzung mit den gesellschaftspolitischen Konsequenzen der Anschläge in der westlichen Welt ebenso wie in Afghanistan.


Dani Gal
September is the New Black, 2012
SD-Video, 37:00 min

Dani Gal (*1975 in Jerusalem, lebt in Berlin) bezieht sich in seinen Arbeiten oft auf bereits vorhandene Dokumentationen, die er manipuliert oder auf Basis seiner Recherchen künstlerisch rekonstruiert. Seine Themen sind Geschichte, Geschichtsschreibung und damit verbundene Auswahl- und Ausschlussmechanismen.

In mehr als zehn Filmen wird der Terroranschlag bei den Olympischen Spielen 1972 in München nachgestellt. Das Video zeigt mehrere Ausschnitte dieser teils dokumentarischen, teils fiktionalen Re-Enactments zeitgleich mittels Überlagerung. Das Ereignis wird in den Filmen chronologisch dargestellt; in Gals Video werden die verschiedenartigen Repräsentationen identischer Szenen sichtbar – nur die jeweiligen Charaktere erscheinen einander ähnlich. Das Übereinanderlegen der verschiedenen Bildquellen verweist auf die Inkongruenz zwischen dem realen Geschehen, der medialen Berichterstattung und den unterschiedlichen filmischen Repräsentationen. Keiner der Filme erzählt genau die gleiche Geschichte. Dieser Effekt entsteht nicht nur durch unterschiedliche Interpretationen des Ereignisses, sondern im gleichen Maß durch Medienstandards und Produktionswerte. In der Arbeit wird der Mechanismus der Nachstellung historischer Ereignisse mit filmischen Mitteln untersucht und versucht über unterschiedliche Perspektiven herauszuarbeiten, inwieweit durch diese Darstellungen widersprüchliche Bewertungen in Bezug auf einzelne Charaktere und das Ereignis selbst entstehen.


Sabrina Labis
We belong together, 2016
HD-Video, 3:52 min

Sabrina Labis (*1990 in Zürich, lebt in Berlin) befasst sich mit Konzepten und Prozessen digitaler Bilder, um die dahinter liegenden Wertesysteme, Geschlechterverhältnisse, Machtstrukturen oder soziale Mechanismen offenzulegen und zu befragen. Eine wichtige Inspirations- und Materialquelle bilden dabei spezifische digitale Subkulturen und ästhetische Praktiken im Internet. Ausgehend von langfristigen Recherchen entstehen poetische multimediale Collagen, in denen Labis Materialien unterschiedlichen Ursprungs verbindet und ihre subjektiven Erkenntnisse mit den Betrachter*innen teilt.

Einem medienreflexiven Ansatz folgend wird in dem Video
We belong together auf die historisch bedingte, enge Verflechtung von bildtechnischer und militärischer Entwicklung verwiesen. Das Video zeigt eine YouTube-typische Bauanleitung für ein Schwebestativ, das mittels Zeitraffer beschleunigt wiedergegeben wird. Am Ende entsteht ein für den Video-Laien ambivalentes Objekt, das an eine Waffe erinnert. Durch die pointierte Ausspielung der Parallelen von Kamera und Waffe, Schuss und Gegenschuss, handwerklicher Fertigkeit und Wissensvermittlung verhandelt diese Videoarbeit die Produktionsbedingungen von bewegtem Bild im Internet nicht zuletzt durch die humorvolle Referenz auf das von männlichen Akteuren dominierte YouTube-Genre des Tech Tutorials.


Pauline Boudry / Renate Lorenz
The Right To Have Rights, 2019
HD-Video, 8:21 min

Pauline Boudry und Renate Lorenz leben und arbeiten seit 2007 zusammen in Berlin. Ihre künstlerische Praxis manifestiert sich in Filmen, Performances, Songs, Objekten und Texten. Sie arbeiten mit Tänzer*innen, Choreograph*innen und Künstler*innen zusammen, mit denen sie eine lange Geschichte der Auseinandersetzung mit den Bedingungen von Performance und der gewalttätigen Zurichtung von Körpern, aber auch von Gemeinschaft, Glamour und Widerstand verbindet.

In
The Right To Have Rights greifen Renate Lorenz und Pauline Boudry erstmalig ein Dokument des internationalen Rechts auf und zitieren einen Auszug aus der sogenannten Genfer Flüchtlingskonvention von 1951. Dieses Abkommen zwischen 147 Staaten garantiert weitgehende Rechte für Geflüchtete und ist heute noch gültig. Die Performerin MPA spricht den Text auf der verlassenen Landebahn des ehemaligen Tempelhofer Flughafens in Berlin. Während das gesprochene Wort und somit das geschriebene Dekret der rechtsweisenden Artikel allmählich in ein Musikstück übergeht (Sounddesign: Rashad Becker), verhandelt die Arbeit von Boudry und Lorenz den fluiden, auf Inklusion und Exklusion basierenden Status von Menschen und politischen Rechten.


Theo Eshetu
Ghost Dance, 2020
HD-Video, 18:08 min

Der Dokumentarfilmer und Videokünstler Theo Eshetu (*1958 in London, lebt in Berlin) setzt sich seit 1982 mit der Manipulation der Sprache des Fernsehens und den alternativen Ausdrucksmöglichkeiten über das Medium Video auseinander. Eshetu untersucht Themen und Bilder aus Anthropologie, Kunstgeschichte, wissenschaftlicher Forschung und religiöser Ikonografie und versucht aus einem persönlichen Blick heraus zu hinterfragen, wie elektronische Medien Identität und Wahrnehmung formen. Weltkulturen, insbesondere das Verhältnis afrikanischer und europäischer Kulturen, prägen häufig Eshetus Arbeit.

Gedreht in den leeren Räumen und Depots des Ethnologischen Museums und im Museum für Asiatische Kunst in Berlin-Dahlem sowie in den zum Teil noch in der Fertigstellung befindlichen neuen Räumlichkeiten der Sammlungen im Berliner Schloss, dokumentiert die Arbeit
Ghostdance in einmaliger Weise den Moment des Übergangs der Sammlungsbestände. Durch die Performance zweier Tänzer*innen (Yuko Kaseki und Edivaldo Ernesto) in den Räumen wird die Beziehung zwischen der ethnografischen Darstellung asiatischer und afrikanischer Sammlungen mit der metaphorischen Frage nach der Lebendigkeit und dem Eigenleben der Sammlungsgegenstände verknüpft, da diese nicht selten Lebensbereiche und soziale Bindungen repräsentieren. In diesem Sinne erlaubt Ghostdance einen Blick jenseits der Logistik der Restaurierung und der Taxonomien von Aufbewahrung und Ausstellung und geht über die objektivierenden Beschreibungen auf Museumsetiketten hinaus. Die Videoarbeit entlässt das hegemoniale Museum temporär aus seiner linearen Erzählung ins Vielstimmige und Unerwartete.