Nordstern Videokunstzentrum Gelsenkirchen



Von 2012–2016 bespielte der Neue Berliner Kunstverein das Nordstern Videokunstzentrum im denkmalgeschützten Nordsternturm in Gelsenkirchen. Auf fünf Stockwerken fanden im jährlichen Turnus Wechselausstellungen internationaler Videokunst mit Arbeiten aus den Beständen des 1971 gegründeten n.b.k. Video-Forums statt, der ältesten und einer der größten Videokunstsammlungen Deutschlands mit mehr als 1.600 Werken. Zusätzlich zu den Ausstellungen diente das Displaysystem
Ellen (2008) von Silke Wagner als Präsentationsort internationaler Videopraxis von der Frühzeit bis in die Gegenwart. Insgesamt wurden 116 Werke von 115 Künstler*innen sowie 20 weitere Beiträge und Dokumentationen gezeigt. Ab 2014 produzierten das Nordstern Videokunstzentrum und der Neue Berliner Kunstverein mit Niklas Goldbach, Sanja Iveković und Halil Altındere gemeinsam neue Videoarbeiten, die dem Publikum in Uraufführung vorgestellt wurden. Angelegt auf mehrere Jahre, bot die Zusammenarbeit mit dem Gelsenkirchener Nordstern Videokunstzentrum die Möglichkeit, neue Sichtweisen auf die Sammlung zu entwickeln und Werke in immer neuen Konstellationen und Kontexten sowie in einem ganz besonderen räumlichen Gefüge zu präsentieren, in dem Videokunst und historisches Industriedenkmal einen einzigartigen Synergieeffekt entwickelten.


19. März – 18. Dezember 2016
Ausstellungsprojekt
A Sense of History



Teilnehmer*innen: Halil Altındere, Maria Thereza Alves, Yael Bartana, Hartmut Bitomsky, Klaus vom Bruch, Filipa César, Christoph Draeger / Reynold Reynolds, Jimmie Durham, Harun Farocki, Hermine Freed, Dan Graham, Nate Harrison, Helmut Herbst / Friedrich Heubach, Rebecca Horn, Joan Jonas, Angela Melitopoulos, Rabih Mroué, Zoran Naskovski, Marcel Odenbach, Nam June Paik, Eduardo Paolozzi, Hila Peleg, Qiu Zhijie, Oliver Ressler / Dario Azzellini, Mykola Ridnyi, Clemens von Wedemeyer / Maya Schweizer.

Mit weiteren Beiträgen und Dokumentationen von: Nora M. Alter, Yael Bartana, Christian von Borries, Gerard Byrne, Yilmaz Dziewior, Wulf Herzogenrath, Erika Hoffmann-Koenige, Kathy Rae Huffman, Sanja Iveković, Chip Lord, Antonia Majača, Bartomeu Marí i Ribas, Mark Nash, André Rottmann, Beatrix Ruf, Kerstin Stakemeier, Gregor Stemmrich und Clemens von Wedemeyer.

Kurator*innen: Marius Babias, Kathrin Becker



Im Rahmen der Ausstellung
A Sense of History präsentierte der Neue Berliner Kunstverein Videoinstallationen und Filmwerke von 30 Künstler*innen. Das Stecksystem Ellen (2008) von Silke Wagner diente als Display für 16 Monitore mit Beiträgen und Dokumenten zur Betrachter*innenpolitik in der Videokunst und für die Präsentation von Frühwerken der internationalen Videopraxis unter dem thematischen Fokus der Arbeit mit und an Geschichte. Die Ausstellung A Sense of History richtete ihre Aufmerksamkeit auf Positionen innerhalb der Videokunst, die alternative Narrative zur gängigen Geschichtsschreibung entwerfen und Geschichte und Gegenwart mittels der Einbeziehung historischer Ereignisse und persönlicher Erfahrungen reflektieren. Bereits in der Entstehungszeit der Videokunst spielt die Verwendung von Fremdmaterial eine große Rolle, wie etwa in den Werken Wolf Vostells und Nam June Paiks, die Fernsehbilder unter Zuhilfenahme von Magneten störten oder kurze Bildsequenzen mit Videosynthesizern technisch bearbeiteten, um sie in rhythmisierten Intervallen zu zeigen. Die Verwendung von gefundenem Material und seine Überführung in neue Kontexte ist ein Indiz für die Reflexivität von Videokunst und ihre grundsätzlich kritische Haltung zum Wahrheitsgehalt von elektronischen Bildern, wie auch zu den Hegemonieapparaten der Massenmedien. Der alternative Charakter des Mediums, sein Beitrag zur Autonomisierung der Produzent*innen und die Vielfalt an Bildbearbeitungsmethoden prädestinieren die Videokunst auch für eine kritische Reflexion von Darstellungsweisen historischer Phänomene und von damit verbundenen Wahrheitsansprüchen. In einer Vielzahl von Werken in der Ausstellung A Sense of History werden private und öffentliche Bilder, Fotografien, Dokumentarmaterial, Sequenzen aus Filmklassikern und Familienaufnahmen zu neuen Narrativen kombiniert, um Formen der persönlichen Aneignung von Geschichte und ihrer damit verbundenen Subjektivierung nachvollziehbar zu machen. Die Ausstellung schlug dabei von Eduardo Paolozzis Schwarz-Weiß-Film History of Nothing aus dem Jahre 1960/1962 als ältestem Werk der Ausstellung bis zu der neuen, erstmals präsentierten Produktion Escape from Hell von Halil Altındere (2016) einen über fünf Jahrzehnte umfassenden Bogen der kritischen Rezeption von Geschichte in der Videokunst.


28. März – 20. Dezember 2015
Ausstellungsprojekt
Feminismen



Teilnehmer*innen: Marina Abramović, Lynda Benglis, Ursula Biemann, Anetta Mona Chișa, Anna Daučíková, Ayşe Erkmen, VALIE EXPORT, Hermine Freed, Monika Funke Stern, Mathilde ter Heijne, Mwangi Hutter, Sanja Iveković, Shigeko Kubota, Maria Lassnig, Ulrike Ottinger, Friederike Pezold, Lydia Schouten, Ilene Segalove, Hito Steyerl, Marlene Streeruwitz, Pipilotti Rist, Ulrike Rosenbach, Haegue Yang.

Beiträge zu Gender Politics von: Lisa Baraitser, Mart Busche, Esma Çakir-Ceylan, Regina Frey, Claudia Gather, Katharina Grosse, Ayşe Güleç, Kübra Gümüsay, Harriet Häußler, Barbara Krijanovsky, Mareen Linnartz, Marian López Fernández-Cao, Philomene Magers, Angela McRobbie, Ann Phoenix, Hanna Rosin, Deborah Ruggieri, Christina Schildmann, Mark Simpson, Bettina Springer, Olav Stuve, Julia Voss.

Kurator*innen: Marius Babias, Kathrin Becker



Im Rahmen der Ausstellung
Feminismen präsentierte der Neue Berliner Kunstverein Videoinstallationen von über 20 Künstler*innen seit den 1970er Jahren bis heute – darunter eine neue Arbeit von Sanja Iveković in Uraufführung.  Des Weiteren wurden auf 17 Monitoren eine Videoskulptur von Friederike Pezold, Beiträge zu Gender Politics und Frühwerke feministischer Videopraxis im Stecksystem Ellen (2008) von Silke Wagner präsentiert. Die Erfindung des Mediums Video in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre bedeutete eine durchgreifende Veränderung und Alternative der künstlerischen Produktionsmittel und eine radikale Autonomisierung der Produzent*innen. Im Unterschied zum Film sind Videokünstler*innen nicht mehr auf die Zusammenarbeit eines Teams und die Entwicklung des Filmmaterials angewiesen. Die tragbare Sony Portapak-Videokamera ermöglichte eine Aufnahme von Bild und Ton in einer Hand und eine parallele Überprüfung der Aufnahme auf dem mit der Kamera verbundenen Monitor. Dadurch und durch die historische Referenzlosigkeit des Mediums – ohne Bezüge auf eine „vorbelastende Kulturgeschichte, in der jahrhundertelang und fast ohne Ausnahme die Qualitätskriterien von Männern bestimmt wurden“ (Ulrike Rosenbach) – wurde Video besonders für Künstler*innen interessant, um das männliche Blickdispositiv zu dekonstruieren und eine selbstbestimmte Repräsentation zu formulieren. Der Titel Feminismen  – im Plural – trägt der Entkanonisierung eines weißen hegemonialen Feminismus Rechnung und betont, dass fluide Identitätskonstrukte, ethnische und nationale Herkunft, migrantische Lebensweise, sexuelle Orientierung, sozialer Status, Hautfarbe, Lebensalter oder Religionszugehörigkeit Teil feministischer Betrachtungsweisen sind.


23. März – 21. Dezember 2014
Ausstellungsprojekt
Time Pieces



Teilnehmer*innen: John Baldessari, Joseph Beuys, Dara Birnbaum, Hartmut Bitomsky, Arno Brandlhuber / Christopher Roth, Peter Campus, Nina Caspari, Alejandro Cesarco, Anetta Mona Chișa / Lucia Tkáčová, Arnold Dreyblatt, Paul Garrin, John Giorno / Ugo Rondinone, Christoph Girardet / Matthias Müller, Niklas Goldbach, Douglas Gordon, Johan Grimonprez, Laura Horelli, Joan Jonas, Allan Kaprow, Käthe Kruse / Die Tödliche Doris, Zilla Leutenegger, Bjørn Melhus, Nam June Paik / Jud Yalkut, Ulrike Rosenbach, Egill Sæbjörnsson / Marcia Moraes, Karin Sander, Hito Steyerl, Klaus Theweleit, Clemens von Wedemeyer, Charlie White, Ming Wong, Amir Yatziv.

Kurator*innen: Marius Babias, Kathrin Becker



Im Rahmen der Ausstellung
Time Pieces im Nordstern Videokunstzentrum präsentierte der Neue Berliner Kunstverein Videoinstallationen von insgesamt über 30 Künstler*innen und Künstlergruppen seit den 1970er Jahren bis heute. Erstmals wurde die Arbeit The Nature of Things II (2014) von Niklas Goldbach gezeigt, zusätzlich hielt das Stecksystem Ellen (2008) von Silke Wagner ein umfangreiches Sichtungsangebot aus historischen und aktuellen Beständen des Video-Forums sowie ausgewählte Beispiele aus der DVD-Reihe „n.b.k. Konzert“ für die Besucher*innen bereit. Die Auswahl der Arbeiten konzentrierte sich auf verschiedene Aspekte des künstlerischen Umgangs mit Bewegtbildern. In seiner jungen Geschichte seit den 1960er Jahren bis heute hat sich das Medium Video immer wieder verändert und neu formiert und eine Vielzahl verschiedener Phänomene und Spezifika hervorgerufen, was nicht zuletzt auf die rasante technische Weiterentwicklung von Aufnahme- und Präsentationsmedien und die immer umfangreicheren Bildbearbeitungsoptionen zurückzuführen ist. In der Ausstellung wurden sowohl Beispiele der vielfältigen technischen Erscheinungsformen des Mediums Video präsentiert, wie der Einsatz von Found Footage-Material – etwa in Karin Sanders Sigrid 1930 (2013), Hartmut Bitomskys Der VW-Komplex (1989) oder Christoph Girardets und Matthias Müllers Manual (2002) –, der Bluescreen-Technik und zeichnerischen Animation, wie in Zilla Leuteneggers Blow Job (2002), als auch frühe sowie aktuelle Schlüsselwerke an der Schnittstelle von Video und Performance. So spannte die Ausstellung Time Pieces einen Bogen von Werken aus den 1970er Jahren, wie der Dokumentation von Joseph Beuys’ berühmter Aktion I like America and America likes Me, die 1974 in der New Yorker Galerie René Block stattfand, und der frühen n.b.k. Koproduktion Time Pieces von Allan Kaprow aus dem Jahr 1973 zu aktuellen Video-Performances, wie Hito Steyerls Strike und Ming Wongs Kontakthope (beide 2010) sowie zu Dokumentationen von Live-Performances, u. a. von Egill Sæbjörnsson und Marcia Moraes oder John Giorno und Ugo Rondinone aus dem Jahr 2010.


6. Oktober 2012 – 28. Juli 2013
Ausstellungsprojekt
Schichtwechsel



Teilnehmer*innen: Francis Alÿs, Ant Farm, Heike Baranowsky, Denis Beaubois, Sandra Becker 01, KP Brehmer, Michel de Broin, Pash Buzari, Rui Calçada Bastos, Olga Chernysheva, Călin Dan, Douglas Davis, Shahram Entekhabi, Annika Eriksson, Elise Florenty, Korpys / Löffler, Oleg Kulik, Katarina Löfström, Milovan DeStil Marković, Frédéric Moser / Philippe Schwinger, Heiner Mühlenbrock, Bruce Nauman, Waël Noureddine, Nam June Paik, Daniel Pflumm, Reynold Reynolds / Patrick Jolley, Józef Robakowski, Katya Sander, Larissa Sansour, Corinna Schnitt, Richard Serra / Nancy Holt, Sean Snyder, Hito Steyerl, Maria Vedder, William Wegman, Ina Wudtke, Haegue Yang, Tobias Zielony, Heimo Zobernig.

Kurator*innen: Marius Babias, Kathrin Becker



Die Ausstellung
Schichtwechsel markierte den Auftakt der Reihe von Ausstellungen im Nordstern Videokunstzentrum in Gelsenkirchen. Im Inneren des denkmalgeschützten Nordsternturms Schacht 2 wurden erstmals auf fünf Ebenen Videoarbeiten in einem besonderen räumlichen Gefüge präsentiert, in dem Videokunst und historisches Industriedenkmal einen einzigartigen Synergieeffekt entwickelten. Die historische Fördermaschinerie bildete einen ungewöhnlichen Rahmen für die großzügigen Videoprojektionen und Monitorpräsentationen. Der Titel Schichtwechsel nimmt einerseits Bezug auf den ursprünglichen Betrieb der Zeche Nordstern, gleichzeitig steht er für den Wandel von der industriellen Nutzung hin zum Ort der Kultur. Für die Ausstellung Schichtwechsel kooperierte der Neue Berliner Kunstverein mit der Münchener Privatsammlung Goetz; das Nordstern Videokunstzentrum wurde gemeinsam bespielt. Der Neue Berliner Kunstverein präsentierte im Rahmen der Ausstellung auf Ebene 10 die Videoinstallation In Free Fall (2010) von Hito Steyerl, auf Ebene 9 diente das Stecksystem Ellen (2008) von Silke Wagner als Display für 17 Monitore und bot die Möglichkeit historische und aktuelle Bestände der Sammlung des Video-Forums zu sichten. Zentrales Motiv der Werkauswahl war die Befragung des Phänomens Raum in der Videokunst und ihre Bezugnahme auf mediale, soziale, politische und psychologische Räume. Präsentiert wurden sowohl Schlüsselwerke bedeutender Videokünstler*innen aus den 1960er und frühen 1970er Jahren, wie Bruce Naumans Bouncing in the Corner No. 1 (1968), Nam June Paiks Grand Central (1974), KP Brehmers Walkings No. 1–6 (1969–1970) und Richard Serras und Nancy Holts Boomerang (1974), als auch Positionen jüngerer, international erfolgreicher Videokünstler*innen wie u. a. Hito Steyerl, Tobias Zielony, Reynold Reynolds, Corinna Schnitt und Haegue Yang.



Alle Bilder / All images © Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe